Sabrina Röder-Schrangl ist WR- & Geolehrerin und koordiniert am städt. Thomas-Mann-Gymnasium die Berufsorientierung.
Welche konkreten Strategien setzen Sie in der Schule ein, um Mädchen stärker für technikorientierte Berufe zu sensibilisieren und Rollenklischees aktiv aufzubrechen?
Sabrina Röder-Schrangl: Unser Ziel ist es, Mädchen für MINT-Berufe zu sensibilisieren, ihr Interesse an technischen und naturwissenschaftlichen Berufsfeldern zu wecken und ihnen die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten aufzuzeigen. Dabei ist es uns aber besonders wichtig, ihre individuelle Berufsorientierung nicht zu lenken, sondern verschiedene Perspektiven zu eröffnen und sie zu ermutigen, auch Berufsfelder jenseits traditioneller Rollenbilder kennenzulernen.
Im Mittelpunkt stehen dabei stets die persönlichen Interessen, Stärken und Talente jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers. Berufsorientierung verstehen wir als einen individuellen Prozess, den wir durch vielfältige Praxiserfahrungen unterstützen.
An unserer Schule geschieht dies unter anderem durch die Teilnahme am Girls’ Day und Boys’ Day, das MINT- bzw. Sozialpraktikum in der 11. Jahrgangsstufe, Projekte und Workshops wie „MINT4Girls“, unser Mädchen-MINT-Austausch mit einer Kölner Schule, Wahlkurse, Betriebserkundungen, unsere hauseigene MINT-Messe mit namhaften Unternehmen und Hochschulen, externe Messebesuche, verpflichtende Teilnahme an der Studienorientierungswoche der LMU, Berufsinfoabende sowie Expertenvorträge im Rahmen des Fachunterrichts. Durch diese authentischen Einblicke möchten wir Berührungsängste abbauen und Interessen fördern.
Wie kann die Schule dazu beitragen, dass junge Menschen unabhängig vom Geschlecht fundierte Entscheidungen treffen?
Sabrina Röder-Schrangl: Eine fundierte Berufswahl setzt voraus, dass junge Menschen sowohl die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten kennenlernen, also eben auch mal über den Tellerrand hinausschauen, als auch ihre eigenen Stärken, Interessen und Kompetenzen kennen und realistisch einschätzen können. Beides gehört untrennbar zusammen.
Deshalb sehen wir es als Aufgabe der Schule, vielfältige Orientierungsangebote zu schaffen, die Schülerinnen und Schülern ermöglichen, sich mit ihren persönlichen Fähigkeiten auseinanderzusetzen, Talente zu entdecken und weiterzuentwickeln. Uns ist es ein besonderes Anliegen, dass Berufsorientierung nicht nur als die im Lehrplan verankerten Module verstanden wird, sondern einen Prozess beschreibt, der über die gesamte Schullaufbahn und in allen Fächern stattfindet. Meist sind es die handlungsorientierten Formate wie Wahlkurse oder Workshops, in denen SchülerInnen Interessen und Stärken entdecken. In diesem Zuge möchten wir sie unbedingt ermutigen, ihren eigenen Interessen zu folgen und damit ihren individuellen Weg zu gehen – unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen oder traditionellen Rollenbildern. Dabei gibt es bereits eine Vielzahl von wirklich tollen Angeboten für Mädchen. Ich würde mir in diesem Fall tatsächlich sogar mehr externe Angebote für Jungen wünschen, um auch diese nicht aus den Augen zu verlieren, wenn es um das Aufbrechen von Rollenklischees geht.
Besonders wertvoll sind dabei praktische Erfahrungen und eine ausführliche Selbsterkundung. Durch Praktika, Betriebserkundungen oder Projekte können Jugendliche ihre Fähigkeiten in realen Berufsfeldern erproben und herausfinden, welche Tätigkeiten zu ihnen passen. So entstehen fundierte Entscheidungen, die sich an den individuellen Potenzialen orientieren und nicht am Geschlecht.
Welche Informationen, Erfahrungen oder Unterstützungsangebote brauchen junge Menschen für eine gut informierte Berufswahl?
Sabrina Röder-Schrangl: Aus unserer Erfahrung sind für eine gut informierte Berufswahl vor allem drei Aspekte entscheidend.
Erstens brauchen junge Menschen die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln, ihre Fähigkeiten auszuprobieren und ihre persönlichen Potenziale zu entdecken – Erfahrungen, die durch reine Informationsangebote, wie sie heutzutage in Massen im Netz zu finden sind, nicht ersetzt werden können.
Zweitens sind authentische Gespräche mit Menschen aus der Berufspraxis besonders wertvoll und können allgemeine Informationen nicht ersetzen. Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Beratungsstellen sowie ehemalige Schülerinnen und Schüler, Auszubildende oder Studierende vermitteln Einblicke auf Augenhöhe und helfen dabei, die Vielzahl an Informationen realistisch einzuordnen. An unserer Schule finden beispielsweise regelmäßige Beratungsgespräche mit der Agentur für Arbeit, individuelle Beratungsgespräche mit den BO-Lehrkräften sowie Austauschmöglichkeiten mit ExpertInnen aus der Wirtschaft statt. Auch persönliche Vorbilder können Jugendliche ermutigen, neue Wege in Betracht zu ziehen. Gerade erfolgreiche Frauen in MINT-Berufen können für viele Mädchen als Vorbild fungieren und großen Einfluss auf die Berufsorientierung nehmen.
Ebenso wichtig ist schließlich die Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen, Werten und Stärken. Wer weiß, welche Erwartungen er oder sie an den späteren Beruf hat und diese mit den Anforderungen verschiedener Berufsfelder abgleicht, kann eine fundierte und langfristig passende Berufsentscheidung treffen.
Sehen Sie Unterschiede in den Präferenzen von Mädchen und Jungen bei der Berufswahl? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Sabrina Röder-Schrangl: Auch wenn sich die Interessen von Mädchen und Jungen zunehmend angleichen, zeigen sich statistisch nach wie vor gewisse Schwerpunkte: Mädchen entscheiden sich häufiger für soziale, gesundheitliche oder sprachliche Berufsfelder, während Jungen häufiger technische oder naturwissenschaftliche Berufe in Betracht ziehen.
Entscheidend sind jedoch die persönlichen Interessen und Talente – nicht das Geschlecht. Gleichzeitig achten wir darauf, möglichst viele Angebote zu schaffen, vielfältige Begegnungen mit unterschiedlichen Berufsfeldern zu ermöglichen und junge Menschen zu ermutigen in Berufsfelder, die außerhalb der klassischen Rollenbilder liegen, reinzuschnuppern.
Welche besonderen Stärken oder Potenziale erkennen Sie bei Mädchen, die besonders gefördert werden sollten?
Sabrina Röder-Schrangl: Mädchen bringen häufig ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit, Teamfähigkeit, Organisationstalent und Durchhaltevermögen mit. Deshalb ist es wichtig, Selbstvertrauen zu stärken und Mädchen zu ermutigen, diese Fähigkeiten auch in technischen oder naturwissenschaftlichen Bereichen einzusetzen.
Wie lassen sich Schule, Elternhaus und Unternehmen zusammenbringen, um Mädchen und Jungen gleichermaßen gute Chancen zu ermöglichen?
Sabrina Röder-Schrangl: Eine erfolgreiche Berufsorientierung gelingt am besten, wenn Schule, Elternhaus und Unternehmen eng zusammenarbeiten und sich in ihren jeweiligen Rollen ergänzen.
Die Schule schafft Orientierung, organisiert Praxiserfahrungen und schafft vielfältige Angebote der Berufsorientierung.
Eltern kennen die Stärken, Interessen und Persönlichkeiten ihrer Kinder besonders gut und sind daher wichtige Begleiter im Berufswahlprozess. Zudem haben diese einen maßgeblichen Einfluss auf die Berufsentscheidung ihrer Kinder. Umso wichtiger ist es, Eltern dafür zu sensibilisieren, ihre Kinder dabei zu unterstützen, selbstbestimmt einen Beruf zu wählen, der ihren individuellen Interessen und Talenten entspricht – unabhängig von traditionellen Rollenbildern oder eigenen Vorstellungen der Eltern. Formate wie der Elternabend von parents on board können hierzu einen wertvollen Beitrag leisten.
Unternehmen wiederum ermöglichen authentische Einblicke in den Berufsalltag und zeigen konkrete Perspektiven auf. Durch unsere zahlreichen Bildungspartnerschaften – unter anderem mit MAN, Rohde & Schwarz, Webasto oder Brunata-Metrona – erhalten unsere Schülerinnen und Schüler frühzeitig die Gelegenheit, unterschiedliche Berufsfelder kennenzulernen und mit Fachkräften ins Gespräch zu kommen.