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Als Au-pair nach London

Interview mit der Berlinerin Kerstin Börner

Kerstin Börner fiel es schwer, sich von ihrer Gastfamilie zu trennen.(Foto: Sandra Barth)

Kerstin Börner fiel es schwer, sich von ihrer Gastfamilie zu trennen.(Foto: Sandra Barth)

Eine Berlinerin, die nach dem Abi die Alternative "Au-pair" gewählt hat,ist Kerstin Börner. Die heute 31-Jährige lebt in Pankow und arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung eines Verlages. Nach ihrem Abi ging sie für ein Jahr als Au-pair nach London.

1. Warum hast du dich damals dafür entschieden? Und wieso London?

Ich wollte auf jeden Fall nicht nach dem Abi direkt studieren, weil ich mir nicht sicher war, wohin es gehen soll. Eine Freundin von mir war ein Jahr als Au-pair in London gewesen, bei der gleichen Familie, bei der ich dann war. Die hat mir vorgeschwärmt, wie toll London ist und wie wohl sie sich bei ihrer Gastfamilie gefühlt hat. Sie hat mich gefragt, ob ich auch dazu Lust hätte. Außerdem war mein Englisch echt schlecht zu der Zeit.

2. Wie kam der Kontakt zu deiner Gastfamilie zustande?

Ich habe die Familie angeschrieben und ein Foto mitgeschickt. Dann haben wir telefoniert. Die haben mir ziemlich schnell zugesagt, weil mich meine Freundin empfohlen hat. Dann haben sie mir auch ein Foto von sich geschickt, damit ich sie erkenne, wenn sie mich vom Busbahnhof abholen.

3. Musstest du viel im Haushalt mithelfen? Wurden dir genug Freiheiten gewährt?

Im Gegensatz zu vielen anderen musste ich nicht ganz so viel machen. Ich habe den Hausputz erledigt, Wäsche gewaschen und gebügelt, Fenster geputzt, durchgesaugt. Im Schnitt war ich damit etwa zwei Stunden am Tag beschäftigt, das war ausreichend. Ich konnte mir das frei über die Woche einteilen. Damit war ich aber die große Ausnahme, meine Au-pair-Freundinnen hatten da schon sehr viel mehr zu tun. Eine musste sogar die Familie wechseln, die hatte sie zwölf Stunden am Tag arbeiten lassen. Wichtiger war meiner Familie, dass ich mich um ihre Kinder kümmere. Es waren zwei Mädchen – Siophan und Kathrine, damals zwölf und neun Jahre alt. Ich habe sie von der Schule abgeholt, aufgepasst, dass sie Hausaufgaben machen und war einfach da, wenn die Eltern weg waren. Ich habe sie und ihre Freundinnen zum Beispiel geschminkt und frisiert, war mit ihnen auf dem Spielplatz und war so etwas wie eine große Schwester für sie.

4. Wie hoch war dein Taschengeld? Und war das ausreichend?

Ich habe 60 Pfund die Woche bekommen, das war sehr wenig. Weil ich aber sonst freie Kost und Logie hatte, war es ausreichend.

5. Hast du Kontakt zu Engländern gehabt? Oder bleibt man als deutsches Au-pair unter seinesgleichen?

Wenn man offen und interessiert ist, lernt man auch ganz schnell Engländer kennen beziehungsweise Leute, die dort richtig wohnen. Denn London ist eine sehr multikulturelle Stadt. Die meisten Londoner sind eingewandert. Ich habe mir mit meinen zwei deutschen Au-pair-Freundinnen – Maike und Siggi  –
einen sehr großen Freundeskreis mit Neuseeländern, Südafrikanern, Australiern und auch ein paar richtigen Briten aufgebaut. Wir haben die meisten davon in unserer Stammkneipe – dem Belushi's in Camden Town – kennengelernt.

6. Was hast du für dich aus dieser Zeit mitgenommen? Hast du auch negative Erfahrungen gemacht?

Ich kann bis heute exzellent Englisch, was mir beruflich sehr weiterhilft. Außerdem habe ich sehr viele unterschiedliche Menschen aus allen Teilen der Erde kennengelernt und meinen Horizont geöffnet. Ich habe unterschiedliche Lebensweisen kennengelernt und dadurch festgestellt, dass man nicht immer den geraden Weg gehen muss und auch mal etwas wagen kann. Und ich habe mich dort verliebt. Die Beziehung mit Ralf hat ein Jahr gehalten, doch die Entfernung war – als ich wieder zu Hause war – dann doch zu groß. Ich denke bis heute gern daran zurück.
Leider haben wir aber auch eine Freundin sehr abrutschen sehen. Sie hat sich in der Londoner Nachtwelt verloren. London ist eine Stadt zum Feiern. Nach einem Jahr war es aber auch genug, dann wollte ich mich weiterentwickeln. Dauerhaft dort zu leben, ist sehr schwer, weil es sehr teuer ist und schnelllebig.

7. Hast du dich wie ein Familienmitglied gefühlt? War der Abschied nicht unheimlich schwer?

Auf jeden Fall, der Abschied war sehr traurig. Es hat lange gedauert, bis ich mich in Deutschland wieder zu Hause gefühlt habe. In London war ich das erste Mal so richtig frei, ich habe dort so wahnsinnig viel erlebt. Vor allem habe ich aber meine Londoner Freunde und meine Gastfamilie vermisst. Wir hatten danach noch lange Kontakt und ich habe sie oft besucht.

Au-pair-Auslandsaufenthalte sind nicht nur in Europa, sondern in vielen Ländern der Welt möglich. Die USA sind das beliebteste Ziel. Au-pairs sollten bereits Erfahrungen in der Kinderbetreuung haben und die Landessprache beherrschen. Sie sind in der Regel zwischen 17 und 30 Jahre alt. Ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis ist Pflicht, ein Führerschein gern gesehen. Ein Au-pair-Aufenthalt lässt sich selbst organisieren,  die Bundesagentur für Arbeit rät jedoch, sich an eine Vermittlerorganisation zu wenden. Arbeitsvisa für die USA werden zum Beispiel ausschließlich über eine solche Agentur vergeben. Weitere Vorteile: Sie wählt die Gastfamilie gezielt aus und hilft, wenn es Probleme geben sollte und Au-pairs zum Beispiel die Familie wechseln möchten.

 

Weitere Infos: www.au-pair-society.org

 
 
 
 

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